2016; Erste Hilfe mit Musik

2016 war in vielerlei Hinsicht wohl ein tiefer Griff ins Klo: Furchtbare Tragödien in der Gesellschaft, die Natur wurde weiter mit Füßen getreten oder sträflich vernachlässigt, irgendwelche Vollidioten fanden immer mehr Gehör und wurden gar Präsident und dazu noch eine immer größer werdende Flut von Scheiße im Internet: Anstatt sich reflektiert mit Themen auseinander zu setzen, sich mit Freunden auszutauschen oder zu diskutieren und sich sozial zu engagieren, war es bequemer seinem Ärger im Internet Luft zu machen.  Ob Panikmacher, Weltverbesserer, kluger Beobachter, etc. viele wollten 2016 der „Anchorman“ sein, sich durch schlaue Artikel als Cyber-Gandhi darstellen oder eben Panik und Hass streuen. Die sozialen Netzwerke wurden dadurch zu einem Auffangbecken für virtuelle Selbstdarsteller aller Art, in dem man die selbe Meldung in 1000-facher Ausführung vorgesetzt bekam. Klar, alles nichts Neues, aber 2016 eben sehr konzentriert. Und doch hatte 2016 etwas Gutes: Musik. Zumindest meiner Meinung nach gab es jeden Monat genreübergreifend  mindestens zwei gute Platten zu hören, wenn nicht noch mehr. An dieser Stelle habe ich mal fünf Alben ausgewählt, die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben –  Los gehts:

 

Platz 5: Daniel Lanois – Goodbye to Language

dl-blog-2016

Ob als Produzent oder als Musiker, Daniel Lanois hat auch auf seine alten Tage noch einiges auf dem Kasten und beweist, dass er einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit ist. Gemeinsam mit Rocco Deluca ist dabei ein Album entstanden, welches sich komplett um Lap- und Pedal-steel Gitarren dreht. Durch diverse Studiospielerein entlocken die beiden ihren Instrumenten ganz ungeahnt Klänge und schaffen eine schwebende Atmosphäre. Die 12 Soundlandschaften auf „Goodbye to Language“ bieten viel zu entdecken sind gerade für Ambient-Fans ein Muss! – Tolle Platte

Platz 4: If These Trees Could Talk – The Bones of a Dying Worldcover

Ganze vier Jahre nach “ Red Forest“ ist „The Bones of a Dying World“ das dritte Album der Amerikaner und kam mir im ersten Moment eher verhalten und ziemlich egal vor. Jedoch wächst das Album mit jedem Hören und besticht gerade durch seinen natürlichen Sound. Entgegen vieler Post-Metal-Bands setzten If These Trees Could Talk nicht auf überdimensionierte Playbacks, sondern bleiben bei Gitarren, Schlagzeug und Bass und erzeugen durchaus Druck, ohne sich in epischem Klangbrei zu verlieren. Das Album ist ein passender Soundtrack zum vergangenem Jahr und gerade für Post-irgendwas Fans definitiv zu empfehlen.

Platz 3: Touche Amore – Stage Four         

tablog

Touche Amore haben mit „Stage Four“ bewiesen, dass sie mehr können als „nur“ schnelle Posthardcore-Songs zu schreiben. Auf „Is Survived By“ von 2013  wirkte die Band noch etwas unentschlossen, in welche Richtung der Sound denn nun gehen sollte. 2016 sieht das anders aus: Klargesang, Emo- und Post-Rock-Elemente stehen der Musik mehr als gut zu Gesicht, wie gerade „New Halloween“ und das abschließende „Skyscraper“ beweisen. Dazu kommt die inhaltliche Schwere des Albums, da Sänger Jeremy Bolm auf „Stage Four“ den Krebstod seiner Mutter verarbeitet und dies durchaus sehr persönlich aber nie kitschig tut. Definitiv eines der besten Posthardcore Alben der letzten Jahre.

Platz 2: Russian Circles – Guidance

New Doc 3

„Guidance“ wurde  hier ja schon ausführlich besprochen. Also nochmal in Kurzform: Für mich waren die letzten Alben von Russian Circles alle gut, aber eben auch sehr gleichförmig. „Guidance“ geht gerade soundmäßig einen etwas anderen Weg und hat mich dadurch total überrascht und begeistert. Dazu gehen alle Stücke ineinander über und erzeugen eine Art Sogwirkung. Eben ein sehr intensives Album, welches im Zusammenspiel mit den Titeln und dem Artwork viel Interpretationsspielraum lässt. Für Freunde der instrumentalen Rockmusik ein absolutes Muss!

Platz 1: Eluvium – False Readings On

cover  In den letzten Jahren war Matthew Cooper vor allem  mit Mark T.Smith von Explosions in the Sky unter dem Namen Inventions aktiv. Nach Zwei sehr guten Alben, die irgendwo zwischen Ambient und elektronischem Post-Rock einzuordnen waren, widmet er sich jetzt mit „False Readings On“  wieder seinem Soloprojekt Eluvium und dem Ambient. Das Album besticht dabei sicher nicht mit ausgeklügeltem Songwriting, sondern mit Soundlandschaften, die in sich toll aufgebaut sind und einen Fluss ergeben. Tracks wie das 17-minütige „Posturing Through Metaphysical Collapse“ zeigen den einzigartigen Sound von Eluvium gut auf: Eben diese Verbindung von Synthies, Klavieren, Chören und wabernden Flächen. „False Readings On“ ist ein Album, welches den Hörer durchatmen lässt und damit genau das Richtige in turbulenten Zeiten, wie diesen. Absolut hörenswert und mein Album 2016.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s